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Chronik 1907

1907

1. Januar
In dem von Reichskanzler von Bülow veröffentlichten "Silvesterbrief" ruft Kaiser Wilhelm II. zur Bekämpfung der Sozialdemokratie und der Zentrumspartei auf.
25. Januar
Bei den Reichstagswahlen erhalten die Sozialdemokraten mehr Stimmen als bei der Wahl 1903. Trotzdem büßen sie aufgrund der Wahlkreisverteilung 38 ihrer vormals 81 Sitze ein.
9. Februar
Mehr als 3.000 Frauenrechtlerinnen demonstrieren in London für die Einführung des Frauenwahlrechts.
2. Juni
Der Freiburger FC wird deutscher Fußballmeister (3:1 im Endspiel gegen Viktoria 89 Berlin).
18. August
In Stuttgart beginnt der VII. Internationale Sozialistenkongress, der erste auf deutschem Boden.
15.- 21. September
Parteitag der SPD in Essen
12. Oktober
Das Reichsgericht in Leipzig verurteilt den sozialdemokratischen Rechtsanwalt Karl Liebknecht wegen "Vorbereitung eines hochverräterischen Unternehmens" zu eineinhalb Jahren Festungshaft.

Der Gründungsvorsitzende zieht sich zurück

Protokollbuch Seite 3

Nach der erfolgreichen Wahl zum Bürgerausschuss und der vorgezogenen Reichstagswahl zieht der Wahlverein in der Generalversammlung am 27. Januar 1907 Bilanz und wählt einen neuen Vorstand.

In der Versammlung am 22. April geht es um Beiträge, das "Vermögen" und seine Verwendung und um innerparteiliche Probleme. Zum Schluss dann noch die Nominierung der Gemeinderatskandidaten, Namen nennt das Protokoll hier nicht.

Protokoll über die am 27. Januar in der Brauerei Ritz abgehaltene Generalversammlung.

Die Versammlung war gut besucht. Der stellvertretende Vorstand begrüßte die anwesenden Mitglieder und gab die Tagesordnung bekannt. Dieselbe umfaßte 7 Punkte. 1.  Kassenbericht 2. Bericht über die Tätigkeit des Vereins 3. Verlesen des sozialdem. Programms 4. Aufnahme neuer Mitglieder 5. Beitritt zur Landesorganisation und Beitragserhöhung 6. Wahl des Gesamtvorstandes 7. Wünsche und Anträge der Mitglieder.

Punkt 1 konnte nicht erledigt werden, weil noch viele Mitglieder mit ihren Beiträgen restieren. Der Vorstand ermahnt die Mitglieder, ihre Bücher in Ordnung zu bringen, damit in der nächsten Versammlung der Kassenbericht erfolgen könne.

Zu Punkt 2 berichtet der Vorstand, daß wir in Linkenheim schon einen großen Schritt vorwärts gekommen sind durch die 10 Sitze die wir im Bürgerausschuß gewonnen haben und bei der Reichstagswahl, durch die Tätigkeit des Vereins die sozialdem. Stimmenzahl um mehr als das Doppelte gegen 1903 gestiegen ist. Derselbe giebt der Hoffnung Ausdruck, daß bei der Stichwahl unser Kandidat Genosse Geck den Sieg erringen werde.

Adolf Geck (1854-1942) war Redakteur und Herausgeber verschiedener sozialdemokratischer Zeitungen in Offenburg und Karlsruhe. Er gehörte von 1898 bis 1912 und von 1920 bis 1924 dem Reichstag an, die Stichwahl muss er demnach gewonnen haben.

Unter Punkt 3 verliest der Vorsitzende das soziald. Programm. Er knüpft daran die Erörterung, daß dasselbe das einzig richtige ist aber wir sind leider von der Verwirklichung desselben noch sehr weit entfernt.

Unter Punkt 4 wurden 2 neue Mitglieder aufgenommen.

Punkt 5 Beitritt zur Landesorganisation und Beitagserhöhung wurde einstimmig genehmigt.

sechster Punkt Wahl des Gesamtvorstandes. Es wurden gewählt

1. Vorsitzender: Albert Nagel, M.
2. Vorsitzender: Gottfried Heuser, B.
Kassier: Wilhelm Jahraus, B.
1. Schriftführer: Jakob Ratzel, G.
2. Schriftführer: Wilhelm Heuser, M.
Revisoren: August Stober, Karl Stober und Heinrich Heußer.

Zu Punkt sieben, Verschiedenes ergriffen noch etliche Genossen das Wort aber ihre Ausführungen niederzuschreiben habe ich unterlassen da es zu weit führen würde. Erwähnt soll nur noch werden daß der bisherige Vorstand Friedrich Schorle seinen Austritt erklärte mit der Begründung daß er in Vereinssachen überlastet sei und aus gewissen Gründen sich nicht als Sozialdemokrat hervortun könne. Dem Wahlverein werde er stets freundlich gesinnt bleiben und ihn bei Wahlen auch ferner unterstützen. In die Vereinskasse gab er 1 Mark als Geschenk. Da es schon spät geworden und die Tagesordnung erschöpft war schloß der neugewählte Vorstand die gutverlaufene erste Generalversammlung mit der Ermahnung an die Mitglieder auch ferner treu und fest zusammenzuhalten. Frisch auf zum Kampf und Sieg.

Linkenheim den 16. März 1907
Albert Nagel

Protokoll

Am Sonntag den 22. April hielt der Wahlverein seine Monatsversammlung ab. Auf der Tagesordnung waren 7 Punkte. Als erster Punkt war das einziehen von Beiträgen vom verflossenen Monat. Dann kam das Verlesen der Protokolle der verflossenen Versammlungen.

Als dies geschehen war, meldete sich ein Genosse zum Wort. Und zwar wegen dem Punkt betreffs der Bürgerausschußwahl. weil da vorgekommen ist daß Mitglieder die vorgeschlagen waren zurückgesetzt wurden und andere dazugenommen. Es wurde dann beschlossen daß diejenigen die einmal vorgeschlagen sind gewählt werden müssen.

Alsdann sprach Genosse Heuser über die Wahlkreiskonferenz daß Linkenheim an der Reichstagswahl sich mehr als um das Doppelte an Stimmen vermehrte gegen die vorhergehende Wahl.

Bei der Reichstagswahl konnte die SPD im ganzen Reichsgebiet Stimmengewinne verzeichnen. Wegen der Mehrheitswahl und einer - vermutlich eigens zu diesem Zweck durchgeführten - Änderung der Wahlkreis­einteilung verlor sie aber fast die Hälfte ihrer Mandate.

Nun kommen wir zu dem Punkt über den Parteitag in Freiburg. Da wurde sehr tüchtig darüber debattiert. Einige meinten einen Delegierten zu entsenden einige aber nicht. Darüber wurde nun abgestimmt. Es wurde einstimmig abgelehnt.

Sodann sprach der Vorsitzende über das Inventar das wir jetzt im Besitze haben und zwar im Betrage von 11 Mark und 23 Pfennig.

Nun wurde noch beschlossen, zwei Bücher anzuschaffen über das Gemeinderatswahlrecht und jeder der eines zum lesen im Besitz hat wöchentlich 5 Pfennig zu zahlen hat.

Da nun die Stelle unseres Kassiers frei war wurde Genosse Rudolf Albert Lang gewählt.

Als letzter Punkt kam dann die Gemeinderatswahl in Betracht. Wegen der Aufstellung der Kandidaten da jedoch sehr lebhaft resoniert wurde. Endlich kommen wir dazu drei Kandidaten aufzustellen. Dann schloß um 6 Uhr der Vorsitzende die Versammlung.

Jakob Ratzel, Schriftführer

Das Vereinsvermögen von 11,23 Mark dürfte, gemessen an Preisen für Alltagsgüter, heute einem Wert von ungefähr 50 € entsprechen.

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Unsere Grundwerte: Freiheit, Gerechtigkeit, Solidarität

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